Präparierte Pianos sind im Zeitalter des Samplers ein Anachronismus - daran gibt es keinen Zweifel. Welche Klänge man aber auf diese Weise vollkommen ohne Einsatz von Elektronik erzielen kann, dürfte auch eingefleischte PC-Soundbastler überraschen. Das von Boris Berman gespielte, mit ungenannten Gegenständen gespickte, Klavier erinnert in den ersten Klängen dann auch glatt an Depeche Mode ...
John
Cage - "Music For Prepared Piano, Vol.2"
Natürlich bleibt dies ein flüchtiger Eindruck, aber es sind genau jene harten, percussiven, glockigen Sounds, die als Ergebnis der von Cage befohlenen Manipulationen diese Assoziation hervorrufen. Eine ursprüngliche Idee hinter der Präparation war, mit nur einem Instrument einen Ensembleklang hervorzubringen, der irgendwo zwischen Gamelan und den Schlaginstrumenten des klassischen Orchesters liegt. Es sind urtümliche Klänge, die Cage verwendet - Holzblock, Snare, Glockenspiel meint man zu hören - nur ab und zu darf das Klavier sich wie ein Klavier anhören.
Wenn man bedenkt, das jede Taste des präparierten Pianos stellvertretend für ein Orchesterinstrument zu spielen ist, so kann man sich die Anforderungen an einen Pianisten, der dies meistern möchte, vorstellen. Jenseits seiner Erfahrungswerte muß er das Instrument neu erlernen, bis er an die eigentliche Aufgabe - die Interpretation des Stückes - gehen kann. Die Leistung von Boris Berman ist also nicht zu unterschätzen.
Das gleiche gilt natürlich für den Hörer - wer keinen Hang zur Avantgarde und keine Vorliebe für clusterartige Klänge hat, wird sich mit der Platte schwertun. Wer als "Novize" bereit ist, sich darauf einzulassen, der sollte vielleicht "Daughter of the Lonesome Isle" als Einstiegsstück wählen ...
Frank Bongers
CD: John Cage - "Music For Prepared Piano, Vol.2"
(Naxos 8.554562)
Naxos im Internet: www.naxos.com
Cover: 'Chameleon Music', Tim Smith