Prinzregententheater, München, 24.11.2006
Als im Jahr 2005 ein Traum zerbrach, als wir Zeugen wurden, wie die Fernseher die Bilder des verkohlten Gebälks von Schloss Elmau übertrugen, wie das ehrwürdige Gemäuer ein Raub der Flammen wurde, konnte sich niemand vorstellen, wie dieser Ort der sinnlichen und physischen Rekreation inmitten der Natur, der Berge, der Wiesen und der Stille jemals wieder mit Leben, geschweige denn mit Musik gefüllt werden könnte.
Michael Riessler
Es geht weiter. Das Schloss gibt es noch nicht, es ist bereits in weiten Teilen hergestellt, aber noch nicht eröffnet. Seit vielen Jahren wurde jeweils im Spätherbst das Jazztival gefeiert, Musiker aus ganz Europa trafen sich mit ihrem Publikum zu einem mehrtägigen Fest, abseits großer Städte, in gleichsam familiärer Atmosphäre. Dieses Jahr mussten die Musiker und ihre Anhänger ins Exil, mit viel Verve wurde ein dicht gedrängtes Programm komponiert, auf einen Abend komprimiert, ein Ort erkundet, der die Bühne für einen halbwegs adäquaten Ersatz für das Jazztival bieten könnte. Unter dem Titel JazzGala wurde der Karawane der Enthusiasten in München, im Prinzregententheater Einlaß gewährt, sie erlebte einen Abend der Experimente, der feinsinnigen Klänge, der temperamentvollen Ausbrüche, der schrägen Ideen, der harmonischen Verständigung.
Mehr als zwei, drei Stücke werden keinem Künstler an diesem Abend gegönnt, die Vielzahl der Musiker, die auftreten wollen, erlaubt das einfach nicht. Die Zuhörer bekommen in rasantem Wechsel einen Querschnitt des europäischen Jazz geboten. Gleichsam im Zeitraffer wird die Menge durch die Jazzszene getrieben. Alleine diesen Ablauf zu organisieren, ist eine Herausforderung.
Ferenc
Snétberger
Trio Borda-Bunka-Hecker "Orientación"
Argentinischer Tango trifft arabischen Oud trifft europäisches Cello.
Luis Borda, Gitarrenvirtuose und Vertreter des Tango Nuevo, Roman
Bunka, Gitarrist und heute vertreten als Meister des Oud, vielen sicherlich
bekannt als Ensemblemitglied von Embryo, sowie Jost-H. Hecker, Mitbegründer
des "Modern String Quartett" eröffnen das Konzert. Wer versucht, ihnen ein
Genre oder eine Schublade zuzuteilen, wird scheitern, die drei Artisten wandeln
zwischen den Dimensionen, zwischen Argentinien und der arabischen Halbinsel,
zwischen Europa und dem Jazz. Die drei Saiteninstrumente verstehen sich vortrefflich,
verbinden scheinbar Gegensätzliches, die Arrangements lassen Spielräume für
üppige Improvisationen, jedes Instrument läßt dem anderen den Raum sich zu
entfalten.
Ferenc Snétberger
Noch ein Grenzgänger, besser Grenzbrecher ist Ferenc Snétberger,
er wird nicht der letzte an diesem Abend bleiben. Seinen Beitrag zum heutigen
Abend beginnt er mit Improvisationen, er allein mit seiner Gitarre, später
gesellt sich noch Markus Stockhausen zu ihm, mit dem er im Duett spielt.
Über Ferenc Snétberger muß hier nicht weiter eingegangen werden, bei
Jazzdimensions ist er kein Unbekannter, hier sei auf die Beiträge in diesem
Magazin verwiesen, es sei mir aber erlaubt, zu den unendlich vielen Lobeshymnen
noch eine weitere hinzuzufügen, er versteht es an diesem Abend, mit seinem
zarten Instrument Klangkaskaden in den Theatersaal zu schmettern, temperamentvolle
Phrasen iteriert er mit in Lichtgeschwindigkeit dahin fliegenden Fingern,
leise Töne erweitern sein Spiel.
Marcus
Stockhausen
Trio Stockhausen-Comisso-Thomé
Nachdem Markus Stockhausen seine Einlage mit Ferenc Snétberger
beendet hat, betreten seine eigenen Mitmusiker die Bühne, Angelo Comisso,
Klavier und Christian Thomé, Schlagzeug. Markus Stockhausen,
der vielseitige, zwischen Klassik, neuer Musik und Jazz wandelnde Musiker
findet in seinen Begleitern ebenbürdige, sensible Virtuosen. Er, der mit seiner
Trompete und seinem Flügelhorn die Bühne betreten hatte, läßt uns in seine
Traumwelt eintauchen, die er mit weichem Klang seines Flügelhorns in den Raum
zeichnet. Auch er ist ein Grenzgänger zwischen den von irgendwelchen Technikern
entworfenen Genres, dies scheint der unausgesprochene rote Faden des Abends
zu werden.
Michael Riessler
Wenn ein Künstler sein Musikinstrument entfremdet, beispielsweise ein Künstler
sein Klavier mit Radiergummis und anderen Alltagsgegenständen präpariert,
so kennen wir dies. Wenn ein Klarinettist dem Instrument Klänge entlockt,
in dem er nicht in das dafür vorgesehene Mundstück einen Luftstrom zuführt,
der ein kleines Holzblättchen in Schwingungen versetzt, sondern die Klänge
durch virtuoses Schließen der Klappen erzeugt, staunt der Zuhörer. Gebannt
lauscht er den nie gehörten perkussiven Tönen, die über ihn herfallen. Michael
Riessler erforscht sein Instrument, die Bassklarinette, er entdeckt sein
Instrument mit jedem Takt neu. Seine Einflüsse, sein Spiel sind vielfältig,
man hört, dass er in der neuen Musik genauso zuhause ist, wie im Jazz, er
arbeitete mit Komponisten wie John Cage oder Steve Reich, aber
auch mit Musikern wie Carla Bley oder David Byrne, seine Gestaltungskraft
sprengt die Grenzen zwischen den Genres, aber das hatten wir schon.
Michael
Wollny
[em] Wollny, Kruse, Schaefer
Michael Wollny am Klavier, Eva Kruse am Kontrabass, Eric
Schaefer am Schlagzeug. Respektlos, jung, temperamentvoll prägen die drei
Musiker ihren eigenen Stil. Die Besetzung läßt vielleicht einen konventionellen
Jazz erwarten, in konventioneller Triobesetzung, nach den ersten Takten bekommen
die Zuhöhrer ein ganz anderes Bild, ein rasender Pianist, der dem Instrument
alle Töne gleichzeitig zu entlocken vermag, so scheint es. Michael Wollny
rennt zwar vorneweg, seine Mitstreiterin und sein Mitstreiter folgen ihm ohne
Mühe auf Schritt und Tritt. Seit vier Jahren spielen sie zusammen, so haben
sie trotz des schillernden Front-Pianisten ihre Band-Identität gefunden. Siehe
auch in diesem Magazin den Beitrag über Michael Wollnys Zusammenarbeit
mit seinem, man höre und staune, Großvater.
Yaron Herman
stammt aus Israel, er lebt in Paris, wo er sich einen festen Platz in der
Jazzszene geschaffen hat. Von Paris aus erobert er die Welt, heute Abend eröffnet
er den zweiten Teil des Konzertes, alleine, nur er und das Klavier. Yaron
Herman hat keine Mühe, mit seinem außergewöhnlichen, innovativen Spiel
das Publikum nach der Pause in die Konzertatmosphäre hineinzuziehen.
Michael
Schiefel
Michael Schiefel
rückt sich seinen kleinen schwarzen Altar zurecht, das ist ein kleiner Turm,
in dem sich Regler, Knöpfe und Displays verstecken, nimmt das Mikrofon zur
Hand und vergisst sich selbst. Bis er verstummt und das Publikum fragt, ob
das jetzt lange gedauert habe und ob er noch ein Stück singen könne. Seine
eigenwillige, unvergleichliche Stimmartistik ist überraschend, bisweilen humorvoll,
besonders wenn er über den Stadt-Land-Gegensatz philosophiert, ein geradezu
kindlich anmutendes Stück. Sein Vortrag ist stets virtuos. Er bewegt seinen
kleinen technischen Altar dazu, seine Stimme zu variieren, in Schleifen zu
wiederholen, zu verfremden, nach oben oder unten zu transponieren. Dazu improvisiert
er, springt durch die Oktaven, er ganz allein, ohne Chor. Die Begleitung übernimmt
sein Altar.
Renaud Garcia-Fons & Antonio "Kiko"Ruiz
Renaud Garcia-Fons ist ein erstaunlicher Bassist, der Kontrabass ist
im Jazz eigentlich ein Instrument, welches sich im Hintergrund hält, in enger
Absprache mit dem Schlagzeug den Rhythmus trägt, aber selten in den Vordergrund
drängt, geschweige die erste Geige spielt. Bei Renaud Garcia-Fons ist
dies anders. Er erhebt den Kontrabass zum Soloinstrument, sicherlich, er läßt
seinem Partner Antonio Ruiz genug Spielraum, aber erstaunlich ist,
wie der Bassist sein Publikum in einem fort mit seiner Improvisation überrascht.
Beide Musiker schöpfen aus den Quellen arabischer Musik, sie sind inspiriert
von afrikanische Musik, genauso wie vom Flamenco. Selbstverständlich auch
vom Jazz.
Jacky
Terrasson
Jacky Terrasson Trio T.O.P. (Terrasson, Okegwo, Parker)
treten heute als klassischer Trio auf die Bühne, bleiben auch stilistisch
dem klassischen Jazz auf der Spur. Gekonnt, routiniert, professionell gestalten
sie ihren Part, Jacky Terrasson genießt nicht zu unrecht den Ruf eines
Ausnahmepianisten, der durch virtuose Technik glänzt. Mit seinem Beitrag endet
dieser außerordentliche Abend, diese Gala, die ein wenig den Charme von Schloss
Elmau aufleben lassen wollte, die einen Ausblick auf das wiederauferstehende
Schloss Elmau geben wollte, dieser Abend wird vom Publikum mit reichhaltigem
Applaus goutiert. Wer sich diesem Ritt durch die Jazzszene nicht anschließen
konnte, kann das im Juli und Ausgust 2007 nachholen. Dann wird das Schloß
Elmau eröffnet sein, im Sommer ist das JazzClassica-Festival angekündigt,
dort sind die hier präsentierten Musiker zu hören und sicherlich noch viele
mehr.
Maximilian Vollendorf
Schloss Elmau im Internet: www.schloss-elmau.de
Fotos: Matthias Muschiol
Mehr bei Jazzdimensions:
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- "Der die Ruhe liebt" - Interview (erschienen: 9.11.1999)
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