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Maurice de Martin - "Tor zum Osten Europas"

Maurice de Martin, noch in Rumänien lebend, bald wieder in Berlin, stellt für unsere Stadt in Zukunft ein wenig so etwas wie "das Tor zum Osten Europas" dar. Sein Leben, sagt er, besteht aus einer Verkettung von Zufällen - oder sollte man es besser "Schicksalsmonenten" nennen? Immer wieder hat er für etwas Neues eine andere Sache aufgegeben, um sich mit voller Energie und mit ganzem Herzen dort hineinzustürzen. Und im Nachhinein war es stets das einzig Vernünftige, das er hätte tun können.

Seine Zeit in Rumänien hat ihn stark geprägt und hinterläßt dort Spuren und hier Verbindungen und Kontakte. Die Schiene Deutschland-Bulgarien-Rumänien wird noch oft "befahren" werden ...

Und das Schöne bei Maurice ist, daß man ihn eigentlich gar nichts fragen braucht, er kann wunderbar sein Leben so erzählen, als wäre es eine einzige spannende Story. Hier Auszüge aus dieser Geschichte:

"...Großvater ist fünf Jahre lang zu Fuß über die Alpen gelaufen und hat Geld gebunkert und irgendwann, als er genug hatte, ist er nach Deutschland umgezogen, hat sich da einen Weinberg gekauft und ist Weinbauer geworden. Und somit komme ich aus der Bodenseegegend und bin mit Wein um mich herum groß geworden. Meine Mutter ist Bayerin und war auch Schlagzeugerin - sie hat in den sechziger Jahren in den Ami-GI-Clubs mit den ganzen amerikanischen Bigbands gespielt. - So habe ich dann angefangen, mit sechs Schlagzeug zu lernen; mein Vater mußte mich noch hochheben, wenn ich oben die Becken spielen wollte...

... Ich bin eigentlich froh, daß ich Musiker bin und sonst nichts - obwohl ich unglaublich viel in meinem Leben gemacht habe. So die normale Laufbahn, die jeder hat, das ist bei mir auch nichts Besonderes. Wobei ich überall immer angeeckt bin und eigentlich der "Underdog" war, weil ich die Sachen stets anders gemacht habe als man es von mir erwartet hat. Das ist eigentlich der rote Faden durch meine Lebensgeschichte: daß ich es relativ schwer hatte und daß immer alles anders läuft als man sich das normalerweise wünscht.

Zum Beispiel: Ich habe mit 20 meine Debüt-CD bei Enja rausgebracht, mit meiner damaligen Band, die hieß "Brother Virus" und das war eine ganz erfolgreiche Band. Wir hatten mit dieser CD, die wir live in der Knitting-Factory in New York aufgenommen haben, sofort viereinhalb Sterne im Down Beat und so war ewig Tohuwabohu um diese Band. Wir haben zwei Jahre lang international auf den ganzen großen Festivals gespielt. Eigentlich sollte man erwarten, daß dieser raketenartige Karrierestart, daß das irgendwo hinführt. - Dann stürzte unser Gitarrist beim Freeclimben ab und wir haben die Band aufgelöst..."

Einige Zeit später "... habe ich ganz plötzlich, von einem auf den anderen Tag entschieden, daß ich meine Sachen packe und nach New York ziehe. Ich hatte vierhundert Dollar, habe mir ein Flugticket gekauft, meine zwei Taschen mitgenommen und bin, ohne jemandem Bescheid zu sagen, nach New York geflogen ... Und mit den vierhundert Dollar in der Tasche habe ich mir gesagt: Ich will es versuchen. - Aber mit dem Geld als Startkapital habe ich es fast fünf Jahre da ausgehalten. In denen habe ich die ersten zwei Jahre lang etwa jeden Tag zwei Konzerte gespielt - in allen großen U-Bahn-Stationen und im Sommer auf allen großen Plätzen in New York. Und zwar mit der jüngsten Tochter von Art Blakey, Evelyn Blakey ... Ich habe mit meinen 20-Dollar-Gigs mein Leben finanziert. - Aber das war sehr gut und ich würde mir wünschen, daß das mehr Leute machen: Einfach ohne Unterstützung, ohne Stipendium rüberzugehen ...

... Und dann ist wieder alles "zerstört" worden, und zwar im positiven Sinne - ich habe den Mann kennengelernt, der mein ganzes Leben verändert hat: den Komponisten Giya Kancheli.
Ich bin mit meinen Partituren zu ihm ins Hotel und habe ihm die Sachen darauf vorgespielt und er hat zu mir gesagt: "Junge, wenn du nicht komponierst, dann bist du blöd. Du mußt unbedingt Komposition studieren - ich biete dir an, das bei mir zu machen. Und du mußt dich entscheiden - du spielst zwar gut Schlagzeug, aber du hast ein großes Talent - du mußt komponieren lernen, weil da so viel da ist und du lernen mußt, das auszudrücken. - Wenn du das nicht machst, verschwendest du dein Leben." - Und darauf habe ich mich eingelassen und habe aufgehört, Schlagzeug zu spielen ...

Vladimir Karparov - Interzonenquartett... Irgendwann ging mir das Geld aus und ich habe mir gesagt: Naja, in New York ist, was Neue Musik betrifft, sowieso nichts los - ich gehe wieder zurück nach Europa. Und ich bin nach Berlin gekommen ... Und dann habe ich mich hier an der HdK - das ist wieder sowas Anachronistisches - für Jazz eingeschrieben ... Das Kompositionsdepartement fand ich zu steif und intellektuell ... Und durch Zufall bin ich dann in dieses Jazzdepartement gekommen und habe diesen wunderbaren Menschen Denney Goodhew kennengelernt, der inzwischen schon gar nicht mehr da ist ... Und als er dann gegangen ist, war auch der Grund weg, noch weiter da zu sein ...

... In der Zeit war ich schon alle sechs Wochen in Rumänien und habe dort getourt ... Und dann habe ich Mircea Tiberian kennengelernt, den Pianisten, der auf "Jazz across the border" mit mir gespielt hat. Mircea ist für mich - im musikalischen und spirituellen Sinne - der "nächste" Mensch. Also, da haben sich zwei gefunden, die so eine starke Verbindung haben, so etwas Metaphysisches - man kann teilweise überhaupt nicht sagen, wer was komponiert, es ist, als wenn es eine Person ist. Und das passiert im Leben ganz, ganz selten - so eine Verbindung. Und wegen ihm bin ich dann nach Rumänien ... Und kurz darauf fing mein bulgarisches Intermezzo an - ich habe sie daraufhin verbunden, die beiden Länder ...

Maurice hatte sich dann im letzten Jahr entschieden, "ganz nach Rumänien zu gehen und hier die Zelte abzubrechen". Aus verschiedenen Gründen kommt Maurice nun aber nach Berlin zurück. Ein Bindeglied zum "Osten" wird er weiterhin bleiben - wie und in welcher Form, werden alle diejenigen sehen, die sich dafür interessieren!

Carina Prange

2. Foto: Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 7.10.1999
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