"Musiker haben in meinen Augen sehr viel mit Ärzten zu tun!"
Wenn man versucht, sich mit der Person Ernst Bier auseinanderzusetzen, bombardieren einen Filmtitel wie "Nachts wenn du schlafen gehst", eine unendlich lange Liste von Bands, Tourneen, Konzertauftritten, Radiosendungen und ein gewaltiges Organisationstalent. All das und noch viel mehr gehört zu diesem Musiker mit der seit 1993 beständigen Präsenz in der Berliner Jazzszene.
Ernst
Bier
"Musiker haben in meinen Augen sehr viel mit Ärzten zu tun – die Menschen kommen ins Konzert, um sich behandeln zu lassen durch Musik und bezahlen dafür. Daß es Musik noch nicht auf Rezept gibt, ist mir schleierhaft. – Wenn ich zu meinem Doc gehe, und er mich nach bestem Wissen und Gewissen so gut wie möglich behandelt, dann kann ich vielleicht eines Tages zu einem Freund sagen: Geh da mal hin, der ist echt gut. Und so sagen andere Menschen: Geh da mal zum Konzert, hör dir den Ernst Bier an, ich finde das richtig toll, was der macht."
Ernst Bier hat sich bis heute das erhalten, was man eine natürliche
und authentische Ausstrahlung nennt.Die Lorbeeren in seinem Arbeitsgebiet
hat er sich mehr als hart verdienen müssen – auch wenn, oder gerade weil,
Musikmachen genau das ist, was er schon immer tun wollte:
"Ich spiele aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Ich habe schon als
kleiner Junge rumgeklappert und das Bedürfnis gehabt, Musik zu machen.
Das einzige Problem war immer, daß ich das nicht machen durfte, ich habe
sehr dafür kämpfen müssen. Mit Schlagzeugspielen habe ich erst mit 18
angefangen. Das war das Jahr, wo ich zu Hause rausgeflogen bin und auf
das Internat kam. Da gab es ein Schlagzeug und da habe ich eigentlich
erst richtig begonnen zu spielen."
Fünfeinhalb Jahre lang hat Ernst in New York gelebt und wenn nicht familiäre
Gründe ihn wieder nach Deutschland zurückgeholt hätten, wäre er womöglich
für immer dort geblieben.
"Ich habe in den USA erlebt, daß ich von der Musik leben kann in einer
Ecke der Welt, wo ich das am Wenigsten erwartet hatte. Ich war da hingefahren
mit großer Ehrfurcht und wollte lernen - und habe auch viel gelernt, sehr
viel - aber ich habe wirklich von der Musik leben können. Und das, ohne
ständig am Telephon zu hängen und Gigs aufzureißen und Tourneen zu organisieren
... In Deutschland ist mir die Mentalität außerdem ein bißchen zu engstirnig
gewesen, das war mir alles zu kleinkariert."
Bier/Goldsbury
Quartet
Beim Back Room Musikprojekt im Haus der Kulturen der Welt war Ernst Bier ebenfalls dabei – mit den in Berlin lebenden Musikern Felix Wahnschuffle, Ed Schuller und Mack Goldsbury gestaltete er gemeinsam einen Teil des ersten Abends. Die Wege von Ernst Bier und Jean-Paul Bourelly, der das Projekt organisiert hat, kreuzten sich bereits in New York des öfteren. Nach Berlin gekommen ist Ernst Bier schließlich, nachdem er schon vom Taxifahren seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte, und einfach keinen Bock mehr hatte, ständig Geschäfte zu machen und den 'Frust am Schreibtisch zu genießen'.
Damals, 1990, holte ihn Jan von Klewitz zu einer zweiwöchigen
Stadttournee nach Berlin.
"Da war ich dann hier für zwei, drei Wochen und habe soviel Karten
verteilt wie schon lange nicht mehr. Dann ging alles ganz flott. Ich habe
innerhalb von 21 Tagen 19mal gespielt und war zusätzlich auf Sessions.
1992 bin ich noch mal hergekommen, und ab 1993 dann ganz hiergeblieben."
"Die Berliner Jazzszene ist für mich im Moment die wohl impulsivste urbane Szene, die es in Europa gibt. Sie ist auch am Offensten – das hat immer noch mit der Wende zu tun. Das ist zumindestens meine persönliche Meinung – als die Mauer fiel und die Wende kam, ist es so gewesen, daß sich auf beiden Seiten ein gewisses Vakuum plötzlich öffnete. Und als das passiert ist, ist das, was an fauliger Luft noch übrig war, rausgedrückt worden und von außen ist ein unheimlicher Schub an neuen Sachen dazugekommen, an frischem Wind - und das Vakuum wurde ausgefüllt. – Das ist hier passiert und das ist noch lange nicht zu Ende. Hinzu kommt, daß der 'pace' in dieser Stadt, die 'Geschwindigkeit des Tags', wesentlich höher ist als sonst irgendwo in Deutschland – zu vergleichen mit der von London oder Paris."
Ernst
Bier mit Karl Schloz Trio
Wenn man wie Ernst in der Musik total aufgehen will und nur dafür lebt,
Musik zu machen, so besitzt das einen enormen Stellenwert:
"Ich habe festgestellt, daß ich gar nichts anderes machen kann. Ich habe
das so oft ausprobiert im Leben; das einzige, was ich anderes mache ist,
daß ich irgendwas Neues tue, damit das Musikmachen weitergehen kann. Aber
man muß es unbedingt wollen - dann fängt man auch an, etwas zu kreieren.
Und dann übst du auch acht oder vierzehn Stunden am Tag und machst und
tust. Und selbst das kann manchmal noch nicht genug sein für das, was
du dir erhofft hast. Also, der Grad, auf dem man da wandert, zwischen
absoluter Euphorie und absoluter Depression, der ist sehr, sehr dünn."
Für Ernst Bier ist der Beruf eine Berufung:
"Das gilt nicht nur für Musiker, das gilt für alles andere auch. Das hat
sogar – das klingt total widersinnig – für mich der Müllmann, der morgens
um fünf Uhr die Mülltonnen abholt und der wirklich davon überzeugt ist,
daß er da für die Gemeinschaft einen ungeheuren Dienst leistet. Wo ich
sagen würde, das ist seine Berufung. Und letztendlich tue ich ja auch
nichts anderes – ich leiste ja auch nur einen Dienst für die anderen."
Carina Prange
Ernst Bier im Internet: www.jazzdrumming.de
Fotos: www.jazzdrumming.de