Dass die Jazzmusik die ehrwürdigen Podien der Kunstmusik erobert hat, ist seit Benny Goodmans legendärem Carnegie Hall Konzert im Jahre 1938 längst kein Geheimnis mehr. Mittlerweile gehört dies zum guten Ton der Konzerthäuser. Dass klassische Konzerthäuser dem Jazz aber eine regelmäßige Konzertreihe widmen, ist hierzulande doch eher selten und macht neugierig.
Michael
Becker
Unter dem Namen "Sundowner" nämlich ruft die Tonhalle Düsseldorf eine Jazzkonzert-Reihe ins Leben, die nach eigener Ausage "einen frischen Soundtrack zum Sonnenuntergang am Rhein" darstellen soll. Mit dieser neuen Serie lässt die Tonhalle Düsseldorf im Helmut-Hentrich-Saal ganz entspannt (und bei geringem Eintrittspreis) an jedem dritten Samstag im Monat die Woche ausklingen. Zu Gast in der Landeshauptstadt werden sowohl internationale Größen als auch vielversprechende deutsche Formationen sein und auf diesem Wege buchstäblich die Sonne wieder aufgehen lassen. Vielversprechend? Auf jeden Fall sollte man dem auf den Grund gehen...
Marco Ostrowski sprach für Jazzdimensions mit Michael Becker, dem Intendanten der Tonhalle Düsseldorf
Marco: Herr Becker, als neuer Intendant bringen sie erstmals auch den Jazz mit einer eigenen Konzertreihe in die Tonhalle. Warum?
M. Becker: Unser "Planetarium der Musik", die Tonhalle, ist "der Musik" verpflichtet. Nicht der Klassik, nicht dem Jazz! Wir wollen einen zugegeben persönlich gefärbten Musikkosmos hörbar machen.
Marco: Haben sie persönlich ein Faible für diese Musik?
M. Becker: Ja, aber nicht nur für diese. Meine ersten persönlichen Begegnungen mit dem Jazz sind recht altbacken: Oldtime-Jazz auf Altstadtfesten und "Swinging Hannover" vor dem Rathaus. Aber über Jean Luc Ponty, Al Jarreau, Turtle Island String Quartet und andere Jazz-Pop-Klassik-Grenzgänger habe ich allmählich begriffen, dass Jazz eine Art "Missing Link" in unseren Konzerthäusern ist.
Michael
Becker
Marco: "Sundowner" nennt sich diese Konzertreihe inwiefern ist der Name Programm?
M. Becker: Einen Sundowner gönnt man sich, wenn es so richtig schön ist im Urlaub, am Wochenende, am Wasser. Das assoziiert man nicht mit Frack und unüberwindbarem Orchestergraben, sondern mit lockerer Atmosphäre. Deshalb gibt es von uns für jeden Besucher erstmal einen Cocktail gratis vorneweg.
Dann treten im Hentrich-Saal der Tonhalle mit Blick auf den Rhein, und im Frühling und Hebst dann auch auf den Sonnenuntergang! Jazz-Musiker von höchstem internationalem Rang auf. Aber eben nicht im "Großen Saal" mit Massenpublikum, sondern in einer recht ursprünglichen Clubatmosphäre vor dreihundert Zuhörern. Spannend. Und entspannend zugleich.
Die
Tonhalle Düsseldorf
Marco: Schaut man sich auch andere Konzerthäuser wie die Glocke Bremen und die Philharmonie Essen an, so stellt man fest, dass der Jazz in den Hochburgen der Klassik verstärkt zur Institution wird. Können Sie diese musikalische Öffnung erklären und wie bewerten Sie diesen Trend?
M. Becker: Die Konzerthäuser bemerken allesamt diese Entwicklung. Hören Sie sich einmal ein Radiokulturprogramm an. Wenn es gut ist, dann hören Sie da Klassik, viel Filmmusik und besonders viel ... genau, Jazz! Wir sind nicht mehr die Generation unserer Großväter, die sagte: entweder das eine oder das andere. Wir mögen beides. Und ich glaube, die Freunde und Kollegen in Essen, Bremen, Dortmund, Köln, folgen da einfach Ihrer persönlichen Lust an guter Musik.
Marco: Zwischen Klassik und dem Jazz sind Grabenkämpfe ja nicht ganz selten. Und gerade in der Kulturpolitik melden sich die Jazzer verstärkt im Bemühen um staatliche Unterstützung zu Wort. Ihre grundlegende Bedeutung für das Musikleben in Deutschland wird dabei betont. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?
M. Becker: Ich kenne diese Debatte aus zahlreichen Kommissionen. Da fordern die Jazzer, dass die Interpreten der klassischen zeitgenössischen Musik nicht ständig so viel Geld bekommen, der Jazz dafür umso mehr.
Ich glaube ich weiß, das klingt jetzt gemein guter Jazz braucht wie gute Malerei ein bisschen von einer existenziellen Unsicherheit! Eine solide Unterstützung macht ihn langweilig. Gut funktioniert Jazz bei Musikern, die ihr Geld mit etwas anderem verdienen und nur aus einer inneren Notwendigkeit heraus musizieren.
Michael Becker
Marco: Wie bewerten Sie die deutsche Jazzszene?
M. Becker: Zunächst, die deutschen Musiker sind nicht pauschal zu bewerten. Aber es ist auffällig, dass der deutsche Jazz lange eine "Schwerdenkerkappe" auf hatte und sich davon langsam und sehr smooth verabschiedet. tok tok tok, Max Vax oder Ulita Knaus sind die Beweise für eine entspannte Entwicklung zu einer weniger verbissenen Form des Spielens.
Marco: Deutsche Jazzmusiker erhalten bei Ihnen eine Plattform, so wie der Vibrafonist Mathias Haus, der die Konzertreihe vor einigen Tagen im September eröffnet hat. Wie ist die Premiere verlaufen?
M. Becker: Mathias Haus ist eine Sensation! Ein Virtuose, der will. Das überträgt sich unmittelbar auf das Publikum. Das wollte auch! Und um 12 Uhr nachts war es dann einer unserer kurzweiligsten Abende in der Tonhalle gewesen.
Marco: Auf welche Künstler dürfen wir uns in dieser Spielzeit besonders freuen?
M. Becker: Mit Branford Marsalis haben wir natürlich einen absoluten Weltstar zu Gast. Den amerikanischen Saxofonisten für fünfzehn Euro bei einem kostenlosen Tequila Sunrise zu erleben, ist sicher nicht alltäglich. Branford spielt übrigens auch ein Saxofonkonzert von Alexander Glasunow im Rahmen unserer Sinfoniekonzertreihe "Sternzeichen" mit den Düsseldorfer Symphonikern...
M. Becker und M. Haus
Spannend wird auch im November der französische Gitarrist Louis Winsberg. Chansons treffen hier auf Gypsy Jazz á la Django Reinhardt. John Coltrane vom Turtle Island String Quartet auf Saiteninstrumenten gespielt, dürfen Sie ebenfalls nicht verpassen! Der nächste SUNDOWNER am 20.10. ist eine "Chopin Lounge". Der armenische Pianist David Gazarov startet beim polnischen Komponisten, um dann irgendwie auch bei Parker und Ellington zu landen. David ist spektakulär, genial und ein super Jazzer.
Marco: Und welche Jazzplatte legen Sie als persönlichen "Sundowner" zu Hause auf, um den Abend ausklingen zu lassen?
M. Becker: Alles Mögliche mit George Shearing und "At first light" von Silje Nergaard. Das war mein Einstieg in den Nord-Jazz. Und es ist viel passiert seitdem…
Marco Ostrowski
Tonhalle Düsseldorf im Internet: www.tonhalle.de
Fotos: Tonhalle Düsseldorf/Pressefotos